Was ist Komplexität?
sie bedarf nicht des Scheinglanzes überflüssiger Gründe.
Sir Isaac Newton
Noch vor einem Jahrhundert hat man mit Überzeugung kundgetan,
dass die Natur die Einfachheit bevorzuge;
seitdem hat es sich bei mehr als einer Gelegenheit erwiesen,
dass das Gegenteil zutrifft.
Henry Poincaré
(Newton, I., 1846/1687. "Newton's Principia.
The mathematical principles of natural philosophy,
by Sir Isaac Newton"; translated into English
by Andrew Motte. New York: Daniel Adee)
(Poincaré, H., 1904. "Wissenschaft und Hypothese
(La science et l'hypothèse)". Leipzig: Teubner)
Form und Inhalt
Es gibt zahlreiche Definitionsversuche für den Begriff der Komplexität. Bei vielen dieser Versuche werden Form und Inhalt jedoch so miteinander vermengt, dass unklar wird, was genau mit „Komplexität” gemeint ist. So wird beispielsweise ein zusammengesetztes Ganzes als „ein Komplex” bezeichnet. Ein Gebäudekomplex besteht beispielsweise aus mehreren Gebäudeteilen. Die Form oder Struktur eines solchen Komplexes kann dann über die Zahl der Teilkomplexe, deren Verbindungen usw. beschrieben werden. Ein solcher Komplex kann durchaus geordnet und überaus sinnvoll erscheinen. Wenn ein modernes Krankenhaus geplant wird, ist es schließlich nicht das Ziel, Unordnung und Durcheinander zu schaffen, sondern sinnvolle, geordnete Abläufe sicherzustellen. Wenn also in den Medien über bedrohliche Entwicklungen durch eine zunehmende Komplexität berichtet wird, geht es weniger um Gebäudekomplexe oder andere sinnvoll strukturierte Einheiten. Es geht nicht um die Form, sondern um ein unverständliches und daher als komplex bezeichnetes Verhalten. Komplexität ist in vielen Fällen also etwas ganz anderes als ein Komplex. (vgl. ausführlich Strunk, 2024)
Komplexität ist eine echte, bewiesene Lücke der Erkenntnis.
Komplexität ist also nicht dasselbe wie ein Komplex. Die meisten Komplexitätstheorien verstehen Komplexität als eine Eigenschaft, die aus einer Struktur bzw. einem System hervorgeht. Es geht also darum, was ein System tut und was wir darüber aussagen und wissen können. Wir sprechen üblicherweise von Komplexität, wenn sich etwas komplex verhält, und meinen damit unüberwindliche Schwierigkeiten bei der Vorhersage oder allgemein bei der wissenschaftlichen Beschreibung. Der Schlüssel liegt in der „Unüberwindlichkeit” dieser Schwierigkeiten. Wenn etwas komplex ist, dann ist eine Vorhersage oder wissenschaftliche Beschreibung nicht möglich – nicht, weil wir derzeit zu wenig wissen, sondern weil es grundsätzlich nicht möglich ist. Guido Strunk (z. B. in Strunk, 2024) fasst zahlreiche Komplexitätstheorien unter der einfachen Formel zusammen: „Komplexität ist eine bewiesene Lücke der Erkenntnis.” Komplexität als bewiesene Erkenntnislücke macht Komplexität derart bedeutsam, dass ein eigenes Forschungsinstitut wie Complexity-Research gerechtfertigt erscheint. Denn Komplexität ist nicht etwas, was wir derzeit noch nicht wissen. Sie ist der Beweis, dass wir bestimmte Eigenschaften eines Systems niemals werden wissen können. Für bestimmte Systeme gibt es beispielsweise mathematisch klare Beweise, dass eine Prognose des Systems selbst bei Kenntnis aller relevanten Systemelemente und aller Rand- und Rahmenbedingungen nicht gelingen kann. Ein solches System verhält sich komplex. Und weil mathematische Beweise vollständig sein können und sich nicht ändern, solange 1 und 1 gleich 2 ist, verschwindet diese Art der Komplexität auch nicht, wenn man eine KI oder einen Quantencomputer um die Prognose des Systems bittet.
Die Komplexitätsforschung kann aufzeigen, was zu Komplexität führt, wofür sie gut ist, was sie verhindert und welche Eigenschaften Komplexität besitzt, die wir weiterhin verstehen können und z.B. technisch nutzen können. Komplexitätsforschung macht also nicht dort Schluss, wo bewiesen ist, dass eine Grenze der Erkenntnis erreicht ist. Vielmehr betritt die Komplexitätsforschung diese Grenzregion, erkundet sie und zeigt, was man von komplexen Systemen alles lernen kann. Und das ist eine ganze Menge. (vgl. Strunk, 2021)
Komplexität ist besser als ihr Ruf
Die Komplexitätsforschung hat gezeigt, dass viele Systeme, die in den Naturwissenschaften zuvor als einfach oder allenfalls als kompliziert galten, in Wahrheit komplex sind. Das bedeutet, dass sie sich nicht vollständig beschreiben oder prognostizieren lassen. Das mag für Menschen, die an detaillierten Prognosen interessiert sind, ärgerlich erscheinen, ist aber das
"Erfolgsgeheimnis der Natur" (Haken, H., 1995. „Erfolgsgeheimnisse der
Natur. Synergetik - Die Lehre vom Zusammenwirken”, Erstauflage bei DVA,
1981. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt).
Komplexe Systeme sind flexibel, anpassungsfähig, kreativ und robust. Sie zeigen, wie die Natur in der Lage ist, sich anzupassen und auf plötzliche Veränderungen zu reagieren. In vielen biologischen Systemen ist Komplexität eher ein Zeichen für Gesundheit als für Krankheit.
Die Komplexitätsforschung ermöglicht zudem einen naturwissenschaftlichen Zugang zu psychischen Systemen. Dort, wo menschliche Willensfreiheit zu neuen, kreativen Ausdrucksformen gelangt, ist sie nicht vorhersagbar und dennoch zielorientiert sowie aus der privaten Logik des Einzelnen betrachtet subjektiv sinnvoll. Dies entspricht recht eindrücklich der Vorstellung von Komplexität, wie sie die
„Systemische Psychologie” von Guido Strunk nahelegt.
In Führung und Management wird Komplexität traditionell bekämpft. Strenge Hierarchien sollen
beispielsweise verhindern, dass Einzelne von Vorgaben abweichen. Finanziell erfolgreich kann dies jedoch nur in stabilen, unveränderlichen Märkten sein. In einer Welt voller Veränderungen sind solche Strukturen zu starr und zu unflexibel. Bevor sie sich anpassen können, brechen sie zusammen. In „Free Hugs” zeigt Guido Strunk, wie Komplexität Führung und Management überhaupt erst ermöglicht.
Auch naturwissenschaftlich betrachtet hat die Komplexität einiges zu bieten. Die Selbststrukturierung der Materie ist eines der größten Geheimnisse der modernen Naturwissenschaften. Seit den Arbeiten von Prigogine und Haken ist sie jedoch kein unlösbares Rätsel mehr. Sie können zeigen, wie ungeordnete Systeme von selbst Ordnungsstrukturen entwickeln und stabilisieren. Die dabei gewählte Ordnung ist jedoch deutlich komplexer, als Newton es sich vorgestellt hat. (z. B. Haken, H. & Wunderlin, A., 1991. „Die Selbststrukturierung der Materie”. Braunschweig: Vieweg Verlag. Prigogine, I. & Stengers, I., 1984. „Order out of Chaos: Man’s New Dialogue with Nature”. New York: Bantam Books)
Weitere Seiten zum Thema
Abbildung: Gewinne im DAX
Die Abbildung zeigt die täglichen Gewinne und Verluste im Deutschen
Aktien Index (DAX). Seit den 1980er Jahren
gibt es Methoden um in Aktienkursen Chaos zu suchen. Nach anfänglichen
Erfolgen kam es zur Ernüchterung. Aktienkurse sind häufig noch komplexer als
deterministisches Chaos. Neuere Arbeiten von Complexity-Research zeigen,
dass im Umfeld besonderer Ereignisse (Krisen, Vorstandswechsel) zeitlich
begrenzte Phasen niedrigdimensionalen Chaos auftreten können.
(Mehr dazu: Strunk, G. (2015 - in Vorbereitung) Wie man Komplexität messen
kann.)